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  • 09.10.2014

Armut als Ernährungsrisiko

Armut macht krank und wer arm ist, hat eine deutlich kürzere Lebenserwartung. Auch im reichen Baden-Württemberg ist Armut ein Problem. Bei der 21.Ernährungsfachtagung der DGE-BW zum Thema Armut als Ernährungsrisiko in Stuttgart-Hohenheim diskutierten Wissenschaftler über die Folgen.

Rund 15 % der Bevölkerung in Baden-Württemberg waren laut dem Mikrozensus im Jahr 2012 armutsgefährdet, d.h. ihr Einkommen lag bei weniger als 60 % des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung. Bei den Kindern und Jugendlichen waren es sogar 17 %. Ministerialdirektor Wolfgang Reimer vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz stellte bei der Fachtagung diese Zahlen dar.

Wer arm sei, sei sehr häufig auch nicht in der Lage, sich gut zu ernähren. Eine Analyse des Dortmunder Instituts für Kinderernährung habe gezeigt, dass der Hartz IV Satz für die Ernährung von älteren Kindern nicht ausreichend sei.

Sozial benachteiligte Menschen brauchen, so Reimer, besonders viel Kompetenz in der Küche und im Haushalt, um aus günstigen Zutaten gesunde und genussreiche Mahlzeiten fertigen zu können. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg habe eine systematische Hilfestellung im Themenfeld Ernährung und Hauswirtschaft erstellen lassen. "Fit im Alltag" richte sich mit seinen praxiserprobten Angeboten an verschiedene Gruppen - vom Elternkochkurs mit Kindern bis hin zu Kursen der Jobcenter und Tafeln.

Dr. Dorothee Spannagel vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung stellte das Thema Kinderarmut vor. Kinderarmut sei häufig ein Teufelskreis. Materielle und soziale Entbehrungen und eine zu geringe frühkindliche Förderung führten zu einer schlechten Bildung, sowohl beruflich als auch gesundheitlich. Arbeitslosigkeit, Hartz IV und frühe Heiraten seien häufig die Folge. Kinder, die dann geboren würden, hätten wiederum schlechte Startchancen. Die Referentin betonte in diesem Zusammenhang den Wert der Bildung. Nur Bildung, aber auch sozialpsychologische Unterstützung und Durchmischung der Schichten sei in der Lage, diesen Teufelskreis zu überwinden.

Armut und Mangelernährung sei durchaus auch ein Problem in Deutschland, referierte Prof. Dr. Hans Biesalski von der Universität Hohenheim. Eine mangelnde Versorgung führe häufig zu unspezifischen Erkrankungen und sei deswegen als schleichender Prozess besonders gefährlich. Eine besondere Risikogruppe bilden hier junge Frauen und Schwangere. Eine Mangelernährung sei in besonders großem Maße für Frühgeburten verantwortlich.

Wir müssen die Lebenswelten besonders für Kinder und Jugendliche so gestalten, dass Armut keine Auswirkungen haben kann. Dies forderte Prof. Ulrike Arens-Azevedo von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Vizepräsidentin der DGE. Die Kita- und Schulverpflegung nehme hierbei einen besonderen Stellenwert ein. Qualität habe ihren Preis, der Preis sei häufig noch zu niedrig. Die Verpflegung müsse noch einmal ganz in den Vordergrund der Armutsbekämpfung gerückt werden.

In ihren Abschlussstatements nahmen Klaus Kittler und Michael Wolff vom Diakonischen Werk und Caritasverband diese Forderung auf. Armut führe zu hohen psychischen und körperlichen Belastungen. Der Hartz IV Satz müsste um 50 Euro erhöht werden, um eine gesunde Ernährung möglich zu machen. "Zugang zu gesunder Ernährung ist ein Menschenrecht", so Kittler und Wolff.

Weitere Informationen zur Tagung unter www.dge-bw.de

Autorin: Irene Mundel

Bildautorin: Friederike Wöhrlin

Eh 10/14

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